Jahrbücher für Geschichte Osteuropas:  jgo.e-reviews 6 (2016), 2 Rezensionen online / Im Auftrag des Instituts für Ost- und Südosteuropastudien in Regensburg herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Verfasst von: Robert Kędzierski

 

Wywózka. Deportacja mieszkańców Górnego Śląska do obozów pracy przymusowej w Związku Sowieckim w 1945 roku. Faktografia – konteksty – pamięć. Red. Sebastian Rosenbaum / Dariusz Węgrzyn. Katowice: IPN, 2013. 456 S., Abb. ISBN: 978-83-7629-513-8.

Inhaltsverzeichnis:

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Die Nachkriegsgeschichte Oberschlesiens ist durch die Deportationen zehntausender Zivilisten in die Sowjetunion wesentlich gekennzeichnet. Dies wirkt als einschneidendes Ereignis immer noch im kollektiven Gedächtnis nach. In der Volksrepublik Polen wurden das Thema in der Wissenschaft nicht behandelt. Erst die Veränderungen des Jahres 1989 ermöglichten eine Auseinandersetzung, das seither in der Publizistik, der Historiographie oder in Ausstellungen stattfindet, aber auch im Rahmen von Ermittlungen über die Verbrechen gegen die polnische Nation sowie in einigen Publikationen des Instituts für Nationales Gedenken in Katowice in Polen. Obwohl seit über zwanzig Jahren intensiver über die Deportationen im oberschlesischen Raum geforscht wird, ist das Thema noch längst nicht erschöpfend untersucht.

Diese Problematik wird im hier angezeigten Band behandelt. Er versammelt Artikel der Tagung Internowania – deportacje – produktywizacja. Mieszkańcy Górnego Śląska w systemie obozowym GUPI NKWD 1945–1956 (Internierungen – Deportationen – Ausbeutung. Die Bewohner Oberschlesiens im Lagersystem der GUPI NKWD 19451956), die am 12. und 13. März 2013 in Katowice stattfand; die Veröffentlichung gab das Institut für Nationales Gedenken (IPN) in Katowice in Kooperation mit dem Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) in Regensburg und mit finanzieller Unterstützung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit heraus. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Tagung stand ein Projekt des IOS und des IPN, das den Forschungsstand und die Quellenlage in den deutschen und polnischen Archiven erfassen wollte, um potentielle Forschungsvorhaben in der Zukunft auszuloten.

Wywózka fasst den gegenwärtigen Forschungsstand zusammen und geht in sechs Kapiteln auf unterschiedliche Aspekte der sowjetischen Deportationen in Oberschlesien 1945–1946 ein.

Der erste Teil beschäftigt sich mit dem allgemeinen Kontext der Deportationen und der Inhaftierung von Zivilpersonen im sowjetischen Lagersystem. Katrin Boeckh (IOS Regensburg/LMU München) behandelt die Verbannung und Inhaftierung ganzer Bevölkerungsgruppen in der Sowjetunion als einen möglichen Bezugspunkt der Forschung über die Nachkriegsdeportationen. Die Autorin sieht strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Deportationen in Oberschlesien nach dem Zweiten Weltkrieg und den „ethnischen Operationen“ in der Sowjetunion der dreißiger Jahre. Ähnlich wie später befreite Völker durften etwa die deportierten Deutschen in der Sowjetunion nach der Aufhebung der Deportation nicht mehr in ihre frühere Heimat im Kaukasus, in der Ukraine oder an der Wolga zurückkehren. Sie mussten sich zudem verpflichten, niemals Eigentumsansprüche zu erheben. Boeckh verweist in ihrem Aufsatz auf die Notwendigkeit von neuen Forschungen zur Nachkriegszeitperiode.

Ute Schmidt (Freie Universität Berlin) widmet sich dem Thema der Deportationen von Zivilpersonen aus dem mittel- und osteuropäischen Raum. Ihre Arbeit steht im Zusammenhang mit einem deutsch-russischen Forschungsprojekt, das u.a. an der Freien Universität zu Berlin durchgeführt wird. Der territoriale Schwerpunkt ihrer Untersuchungen liegt auf Südosteuropa und ergänzt daher den vorhergehenden Beitrag.

Aleksandra Arkusz (Jagiellonen-Universität Krakau) untersucht die Produktivität der Zwangsarbeit im System der Lagerverwaltung von Kriegsgefangenen und Internierten in der Sowjetunion. Akribisch arbeitet die Verfasserin auf der Grundlage ihrer eigenen früheren Untersuchungen anhand von Originalquellen die wesentlichen Züge des GUPVI-Lagersystems des NKVD heraus.

Das zweite Kapitel Przypadek górnośląski (Der Fall Oberschlesien) legt den Fokus auf den regionalen Aspekt. Von großer Bedeutung ist hier der Beitrag von Dariusz Węgrzyn (IPN Katowice), da er neue Thesen formuliert und dadurch neue Forschungsperspektiven eröffnet. Er betont, dass in der Forschung bisher oft zu sehr verallgemeinert worden sei, insbesondere, weil nicht zwischen den Deportierten und Internierten aus der polnischen Woiwodschaft Schlesien und dem bis dahin deutschen Oppelner Gebiet unterschieden wurde. Der Autor zeigt, dass die Internierungs-Operationen viel komplexer waren als bisher dargestellt. Seine Untersuchung widerlegt auch den Mythos von den chaotisch vorgehenden und unvorbereiteten sowjetischen Truppen. Die Repressionen in Oberschlesien betrafen nicht nur den als deutsch geltenden Bevölkerungsteil, sondern auch als polnische Staatsbürger Anerkannte. Der Abtransport aller Männern zwischen 17 und 50 Jahren und gelegentlich auch von jungen Frauen führte in der Folge zu grundlegenden Veränderungen in der sozialen Struktur der oberschlesischen Arbeiter-Großstädte; die Erinnerung an diese Abtransporte traumatisierte viele Bewohner und prägt den öffentlichen Diskurs bis heute entscheidend. Intensiver Forschungsbedarf besteht laut dem Autor vor allem für den Raum Oppeln.

Es folgen spezifische und regionale Beiträge. Den destruktiven Einfluss der Abtransporte auf das soziale und wirtschaftliche Leben in der Region behandelt Jarosław Nej (IPN Katowice). Er verweist auf die die Entvölkerung und auf die sozialen und ökonomischen Folgen für die Familien, wenn Ehemänner und Väter verschleppt worden waren und häufig aus der UdSSR nicht mehr zurückkehrten. Zbigniew Gołasz (Muzeum Miejskie w Zabrzu / Stadtmuseum Zabrze) geht explizit auf die Situation der Großstädte Zabrze/Hindenburg und Gliwice/Gleiwitz ein, die besonders schwer von den Deportationen betroffen waren. Das Panel beschließt eine Skizze von Marcin Niedurny (IPN Katowice), der anhand von Zeitzeugenberichten den Versuch unternimmt, die Lebens- und Arbeitsbedienungen in den sowjetischen Lagern im Raum Doneck und im Dnjeprgebiet zu rekonstruieren.

Im dritten Teil des Buches werden zwei Forschungsprojekte vorgestellt. In IPN Katowice entsteht unter der Leitung von Dariusz Węgrzyn eine Datenbank der durch das NKVD im Zeitraum von Januar bis April 1945 verhafteten und internierten Personen in Oberschlesien. Eine Durchsicht der deutschen Archivalien, in erster Linie sogenannter Massenakten, die von potenziellem Wert für die Deportationsforschung sind, präsentiert Roman Smolorz (IOS) und konstatiert, dass die in deutschen Archiven und Behörden vorhandenen Quellen für die Biographie-Forschung sowohl aus historischer als auch aus soziologischer Sicht besonders wertvoll seien. Man dürfe dabei aber kein Sampling zulassen, da dies sonst nur zu einer zufälligen und eher nutzlosen Sammlung des personenbezogenen Archivguts führt. Wichtiger erscheine die Schaffung einer gemeinsamen administrativ-rechtlichen und technischen Grundlage zwischen den einzelnen Institutionen, damit die Forschungsarbeit in der Praxis funktioniere.

Das vierte Kapitel mit dem Titel Pamięć/rozliczenia (Erinnerung/Abrechnungen) thematisiert das Problem der Erinnerung an die Abtransporte. Sebastian Rosenbaum (IPN Katowice) untersucht gesondert diejenigen Oberschlesier, die bis in die neunziger Jahre in Deutschland bzw. in Polen lebten. Der Autor hebt hervor, dass in Polen nach 1989 die Erinnerung an die Deportationen in kommunikativer Form (durch Publikationen, historische Rekonstruktionen, Denkmäler etc.) an Stärke zunehme und man heute sogar von einer thematischen Erinnerungskultur sprechen könne – beispielsweise in Form von Gedenkfesten wie Tragedia Górnośląska 1945 r. (Oberschlesische Tragödie 1945) in den Woiwodschaften Schlesien und Oppeln, in der Schaffung von Erinnerungsorten und Ähnlichem. Hingegen werde die Erinnerung an die oberschlesischen Deportationen in die UdSSR in Deutschland immer schwächer, zunehmend privatisiert und kaum mehr in den öffentlichen Raum getragen. Kornelia Banaś (IPN Katowice) stellt Erinnerungshandlungen rund um das Thema Deportationen vor, insbesondere die einschlägige Ausstellung von 2003, die für die öffentliche Debatte von heute initiierend gewirkt hat. Weiter gehen Gabriel Tabor und Jarosław Wroński (Urząd Miasta Radzionków – Bürgermeisteramt Radzionkau) auf die Initiative der Stadt ein, ein Centrum Dokumentacji Deportacji Górnoślązaków do ZSRR w 1945 roku (Dokumentationszentrum für die Deportation von Oberschlesiern in die Sowjetunion im Jahre 1945) zu eröffnen. Das Dokumentationszentrum soll ein zentraler Ort der Erinnerung und der Informationsvermittlung zu den Abtransporten in die Sowjetunion zu werden. (Inzwischen ist dieses Museum eingerichtet worden; es verfügt auch über einen Online-Auftritt: http://www.deportacje45.pl/).

Auf dem Panel Pamięć/rozliczenia trat auch die Staatsanwältin Ewa Koj (IPN Katowice) auf. Sie präsentierte laufende und abgeschlossene Ermittlungen der Kommission zur Verfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk am IPN Katowice sowie ähnliche Tätigkeiten früherer Kommissionen. Das inzwischen umfangreiche gesammelte Material kann zugleich als eine spezifische Quelle für historische Forschungen dienen.

Den Band runden fünf Texte aus dem Studentischen Forschungsarbeitskreis der Schlesischen Universität ab, die im Rahmen eines von Dawid Madziar koordinierten Projektes entstanden sind. Dieses möchte die Erinnerung an die sowjetische Präsenz in Oberschlesien ab 1945 unter jungen Menschen, insbesondere Studierenden, schärfen. Der Band schließt mit zwei Anhängen: Der erste enthält wichtige und berührende Informationen zu Internierung und Deportation anhand von deutschen Quellen, Protokollen aus Ermittlungen des IPN und von Zeitzeugen-Berichten. Den zweiten Teil bilden kurze Beschreibungen der relevanten Veröffentlichungen, die zwar abrissartig präsentiert werden, aber dennoch einen guten Überblick über die Rezeption des Themas bieten.

Die Publikation, die verschiedene methodische Zugänge und unterschiedliche Forschungstraditionen vereinigt, kann schließlich als gutes Beispiel für eine gemeinsame deutsch-polnische Forschungsinitiative gelten. Das Ziel, den aktuellen Forschungsstand zum Thema vorzustellen, wurde ohne Zweifel erreicht. Gleichwohl wäre es sinnvoll, wenn der Band auch in deutscher Sprache erscheinen könnte.

Robert Kędzierski, Regensburg

Zitierweise: Robert Kędzierski über: Wywózka. Deportacja mieszkańców Górnego Śląska do obozów pracy przymusowej w Związku Sowieckim w 1945 roku. Faktografia – konteksty – pamięć. Red. Sebastian Rosenbaum i Dariusz Węgrzyn. Katowice: IPN, 2013. 456 S., Abb. ISBN: 978-83-7629-513-8, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/erev/Kedzierski_Rosenbaum_Wywozka.html (Datum des Seitenbesuchs)

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